Quantenphysik

Es ist doch eigenartig: Da heißt es immer, Frauen hätten wenig Zugang zur Technik, der Gender-Gap sei in den MINT-Fächern am größten, und im WS 2013/14 betrug der Frauenanteil im Masterstudium Physik an der Uni Wien gerade mal 24,1%. Und trotzdem befinden sich in meinem Umkreis lauter Quantenphysik-Spezialistinnen.

Vor einiger Zeit wollte mir die Bekannte einer Bekannten mit Elektroden, die aus einem elektrischen Gerät kamen, meine Zellen neu programmieren. Um viel Geld natürlich, das Gerät habe sie ja auch Unsummen gekostet. Wie denn das funktioniere, fragte ich. Mit Quantenphysik, und ich wisse doch, was Quantenphysik sei? Ich wollte nicht dumm dastehen und erwiderte, natürlich wisse ich das. Als Mann, dazu noch mit einer technischen Ausbildung, ha, das wär doch gelacht!

Eine andere, liebe Freundin wollte mich durch Bestupsen meines Rückens von alten Traumata heilen. Ich war ihr ehrlich total dankbar dafür. Das Bestupstwerden war auch sehr angenehm. Wie denn das aber eigentlich funktioniere, fragte ich. Quantenphysikalisch mit einer Matrix. Aha. Ich tröstete mich über mein schreckliches Unwissen, indem ich an Einstein dachte, der gesagt haben soll: „Wer behauptet, die Quantenphysik verstanden zu haben, hat sich nicht intensiv mit ihr beschäftigt!“

Kürzlich saß ich in einer Runde zusammen, der gegenüber ich bescheiden meiner Begeisterung Ausdruck gab, dass der Philosoph Immanuel Kant vor 250 Jahren durch reines Nachdenken die Vorstellung unserer Wahrnehmung und der Realität so grundlegend verändert hat. „Aber Kant ist doch durch die heutige Quantenphysik schon widerlegt worden“, war die Überzeugung einer Anwesenden.

Jetzt wüsste ich aber doch noch zu gern, wo alle diese Expertinnen ihre quantenphysikalischen Kenntnisse erworben haben. Und vor allem, wie das jetzt genau funktioniert – mit der Quantenphysik. Denn es scheint sich um gesicherte, praxistaugliche Erkenntnisse zu handeln, mit denen man alles erklären und alles heilen kann. Da beißt die Maus keinen Faden ab, das ist so sicher wie der Ei-SCNR äh, Quantensprung.

Ich trau mich ja aber nicht zu fragen. Es könnte sich ja herausstellen, dass ich doch zu dumm bin, um Quantenphysik zu verstehen.

Österreichischer Sprachrassismus

Wenn man als Ausländer in Ösiland ohne böse Absicht Wörter ausspricht, die man so zu Hause gelernt hat, etwa Sahne, Pfifferlinge oder Eisdiele, bekommt man, paradoxerweise besonders von sich links oder gutmenschig gerierenden Menschen, im besten Fall oft reflexartig mit tadelndem Kopfschütteln die entsprechenden österreichische Entsprechung des Ausdrucks präsentiert, im schlimmsten Fall wird einem in bösartigem Ton mit „Dees haast oba Rraaahm, des san oba Äiäschwaammarrrlln, des is a Äissaloon“ übers Maul gefahren.

Dass viele sich für aufgeklärt und tolerant haltende Österreicher „Refugees Welcome“ auf ihre Fahnen geschrieben haben, hindert sie offensichtlich nicht daran, von allen Deutschsprachigen, die hierzulande leben, aggressiv die Assimilation an die austriakische Version der plurizentrischen Sprache Deutsch einzufordern.

Dies hat meiner Meinung nach mehrere Gründe.

Erstens: Der gemeine Ostösterreicher, so weltoffen er sich auch gerne gibt, hat im allgemeinen wenig Auslandserfahrung, kaum Fremdsprachenkenntnisse und somit wenig sprachlichen Weitblick. Größenwahnsinnig hält er Wien für die Hauptstadt der Welt, eine Meinung, die er durch erfundene Superlative in den Medien alle paar Monate bestätigt bekommt. Lernresistent, wie er ist, glaubt er allein zu wissen, was „deutsch“ ist und ist sich seiner impliziten Austriazismen – die er von mir aus gern behalten kann – nicht einmal bewusst. (Schon in der Grundschule wusste ich wenig damit anzufangen, dass uns die exterritoriale Kolonialmacht mit einem zwielichtigen „Österreichischen Wörterbuch“ aus schlechtem Papier zwangsbeschenkt hat, wo doch der Duden in jedem Klassenraum stand.)

Zweitens: Der Ostösterreicher hat einen strukturellen ethnischen Minderwertigkeitskomplex und hängt seine wacklige Identität an sprachhegemonistischen Attitüden auf, indem er Wörtern wie Marmelade, Topfen, Rahm oder Marillen mythischen Status zuweist. Das tabuisierte Aussprechen von Wörtern wie Sahne oder Aprikose durch andere stellt eine traumatische Bedrohung seines künstlich am Leben erhaltenen Selbstbewusstseins dar, auf die er mit rabiatem Sprachchauvinismus reagieren muss, um sein Ego wieder herzustellen. (Kokettieren tut er andererseits wie selbstverständlich mit Wörtern niederländischen oder norddeutschen Ursprungs wie „lecker“ oder „tschüß“, mit denen er zeigen will, dass er ja doch nicht so provinziell ist, wie er ist.)

Drittens: Den Österreichern steckt die Angst, etwas politisch Unkorrektes zu sagen, noch aus der Nazizeit in den Genen. (Die linke political correctness ist meiner Meinung nach nichts anderes mit umgekehrtem Vorzeichen, aber das ist ein anderesThema.) Diese Angst wird psychoanalytisch abgespaltet und auf andere projiziert. Daraus resultiert die denunziatorische Rolle als Diskurspolizei, die in diesem Land sowieso gang und gäbe ist: „Er hat nicht „Heil Hitler“, … äh: „Paradeiser“ gesagt!“ Und damit ist er aus dem Schneider, der Österreicher, denn er ist ja ein „Guter“, hat sich nichts zuschulden kommen lassen und darf sich wieder in seiner Selbstgerechtigkeit suhlen.