Je weiter weg, je fremder uns etwas ist

Je weiter weg, je fremder uns etwas ist, desto mehr neigen wir (und ich nehme mich davon nicht aus) offenbar zu Verallgemeinerungen und in deren Folge zu Vorurteilen. Guy Abecassis, Reiseleiter und Autor des vergnüglichen Büchleins „100 Koffer auf dem Dach“ (1959), beschreibt anhand seiner Erfahrung mit Touristen ein sehr einleuchtendes Beispiel: „Gibt es daheim in seinem Stammlokal einen unfreundlichen Kellner, so sagt er [der Tourist] sich: ‚Dieser Kellner ist unfreundlich.‚ In einem Lokal am anderen Ende seiner Heimatstadt würde er im gleichen Fall konstatieren: ‚Die Ober in diesem Lokal sind unfreundlich.‘ Ärgert ihn die Bedienung in einer anderen Provinz seines Vaterlands, meint er: ‚Die Ober in dieser Stadt sind unfreundlich.‘ Geschieht es aber gar jenseits der Grenze, so ist er überzeugt: ‚Die Ober in diesem Land sind unfreundlich!‘ Und in jedem Fall war der Sündenbock nur ein einziger unkorrekter Kellner.“ Das Ganze kann natürlich auch mit „positiven“ Verallgemeinerungen funktionieren.

2 Gedanken zu „Je weiter weg, je fremder uns etwas ist

  1. Lieber Michael,
    auf den Punkt gebracht hast Du ein psychologisches Phänomen, das wir – wenn wir ehrlich sind – wohl alle kennen. Sich das immer wieder mal in Erinnerung zu rufen, ist gerade heute sehr wertvoll. Danke für Deine Überlegungen!

    • Danke, Bettina! Ich finde das Beispiel von Guy Abecassis so perfekt, weil es ganz einfach ist ist und ein komplexes Phänomen, wie du sagst, auf den Punkt bringt. Sich (und anderen) die eigenen Verallgemeinerungen und Vorurteile einfach mal einzugestehen (um sie in Eigenverantwortung in einem zweiten Schritt zu hinterfragen), ist in einer Welt, in der selbstgerecht und verbissen die moralischen PC-Keulen geschwungen werden, um ja nicht in Verdacht zu geraten, selbst nicht zu den „Guten“ zu gehören (der diskursive Handlungsbereich zwischen den pauschalen Zuschreibungen „Gutmensch“ und „Rassist“ wird immer enger), schon aus gesellschaftlichem und psychologischem Selbstschutz leider ein gewagtes Unterfangen. Ich halte das einfache Beipiel für eine praktische Reflexionsvorlage: Wie habe ich Situationen auf Reisen bewertet? Wie begegne ich Personen in meiner vertrauten Umgebung? Wie denke ich über Menschen, über die ich in den Medien lese?

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